Skip to content

Commit 1b8a934

Browse files
committed
add: content and images subchapter 03
1 parent 4667d9d commit 1b8a934

File tree

3 files changed

+63
-1
lines changed

3 files changed

+63
-1
lines changed
Lines changed: 63 additions & 1 deletion
Original file line numberDiff line numberDiff line change
@@ -1 +1,63 @@
1-
# Exkurs: Diskriminierungssensible Metadaten
1+
# Exkurs: Diskriminierungssensible Metadaten
2+
3+
Klassifizierungssysteme wie Metadatenstandards, Taxonomien oder Ontologien sind, wie zuvor erwähnt, zur Identifizierung und Organisation von Daten essentiell. Gleichsam sind sie aber auch immer Wissensmodelle, d.h., dass Wissen über festgelegte Strukturen und Beschreibungspraktiken modelliert wird. Dazu gehören die Auswahl eines kontrollierten Vokabulars sowie bereits die Auswahl der zu beschreibenden Elemente selbst.
4+
Klassifizierungssysteme sind dahingehend weder wertneutral oder "objektiv", noch selbsterklärend. Sie sind historisch situiert und stellen eine spezifische Sichtweise von Welt- und Wissensordnungen her. Hierzu schreibt Drucker:
5+
> "All classification systems bear within the ideological imprint of their production."
6+
7+
Sichtbar wird solche Kritik an häufig vorzufindenden Begriffen wie beispielsweise "creator". Kunstproduktion ist nicht zwangsweise in jeder Community an eine konkrete "schöpfende" Person gebunden. Oft entstehen Werke und Arbeiten in kollektiven Herstellungsdynamiken, die explizit versuchen gesellschaftlich verfestigte Hierarchien zu überwinden. Kollektive Arbeitsweisen können so im schlimmsten Fall ungenannt und entsprechend ungewürdigt bleiben ("uncredited").
8+
9+
Wie bereits das Beispiel des generischen Metadatenfeldes "creator" zeigt, ist die Frage nach dem Umgang mit diskriminierenden Metadaten sehr komplex. Dabei müssen einerseits wissenschaftliche Zuschreibungs- und Erschließungspraktiken selbst hinterfragt werden, andererseits geht es aber auch um die konkrete Erfassung von sensiblen Daten, wie beispielsweise rassistische oder sexistische Titel oder Inhalte in Metadaten.
10+
11+
Dieser kurze Exkurs soll dazu anregen, eine diskriminierungssensible Überprüfung von Metadaten – wo sinnvoll – in die eigenen Projektabläufe zu integrieren.
12+
13+
## Beispiele diskriminierender Metadaten
14+
15+
Um Anforderungen zu formulieren, die bei der Identifizierung diskriminierender und sensibler Metadaten in der Arbeit mit Forschungsdaten helfen, soll zunächst an zwei ausgewählten Fallbeispielen gezeigt werden, an welchen Stellen bzw. in welcher Form diskriminierende Beschreibungen auftreten können. Dabei orientieren wir uns an Beispielen, die für die Geisteswissenschaften relevant sind.
16+
17+
### Fallbeispiel 1: Reproduktion kolonialer Narrative in Metadaten
18+
19+
In der Synopsis zu *Der Schatz im Silbersee* (1962) von Harald Reinl auf <a href="https://www.filmportal.de/film/der-schatz-im-silbersee_6d6757dfa66a4e418d85cd27f5fd8f89" class="external-link" target="_blank">filmportal.de</a> wird die Filmhandlung mit kolonial geprägten Begriffen nacherzählt.
20+
21+
```{figure} ../assets/03_metadaten/abb_k03_filmportal.png
22+
---
23+
align: center
24+
width: 75%
25+
name: filmportal
26+
---
27+
Screenshot aus dem Eintrag von <a href="https://www.filmportal.de/film/der-schatz-im-silbersee_6d6757dfa66a4e418d85cd27f5fd8f89" class="external-link" target="_blank">filmportal.de</a> zu *Der Schatz im Silbersee* (R: Harald Reinl, BRD, YUG, FRA 1992)
28+
```
29+
30+
Genauer heißt es in einem Ausschnitt der Beschreibung:
31+
> "Unterstützung im Kampf gegen die skrupellose Bande erhalten die tapferen Westmänner durch den Apachen-Häuptling Winnetou. Auf der Jagd nach dem Schatz im Silbersee gelingt es Brinkley, die Utah-Indianer aufzuwiegeln."
32+
33+
Dabei sind nicht nur die Begriffe "Häuptling" oder "Indianer" aufgrund ihrer kolonialen Prägung aus heutiger Sicht problematisch, ferner wird in der Inhaltsbeschreibung das koloniale Narrativ des Films ungebrochen reproduziert und übernommen: von "tapferen Westmännern" bis zu "aufgewiegelten Indianern".
34+
35+
Zusätzlich verstärkt das im obigen Screenshot sichtbare Filmstill diese Fortschreibung. Die ausgewählte Darstellung verfestigt die kolonialen Verhältnisse des Beschreibungstextes. Dadurch wird deutlich, inwiefern durch textuelle und visuelle Metadatenelemente filmische Narrative und Ideologien nicht nur dokumentiert, sondern impliziert stabilisiert werden.
36+
37+
### Fallbeispiel 2: Rassistische Titel
38+
39+
Neben dem Einzug diskriminierender Elemente in beschreibende Metadatenfelder stellt sich noch die Frage, wie mit der Darstellung und Reproduktion bibliographischer Angaben und deren Kontextualisierung umgegangen werden soll. Dies betrifft insbesondere Werktitel, die rassistische Sprache aufweisen.
40+
41+
Dogtas et al. verweisen in ihrem Aufsatz auf den Buchtitel "N*plastik"[^1] von Carl Einstein , vorzufinden in diversen Datenbanken wie beispielsweise auch im <a href="https://www.dnb.de/DE/Home/home_node.html" class="external-link" target="_blank">Katalog der Deutschen Nationalbibliothek</a> (kurz: DNB). Im vorliegenden <a href="https://d-nb.info/1022343017" class="external-link" target="_blank">Datensatz </a> der DNB wird der Titel ohne Verweis auf seine zeitgenössische Problematik kommentarlos in den Metadaten reproduziert.
42+
43+
```{figure} ../assets/03_metadaten/abb_k03_buchtitel_einstein.png
44+
---
45+
align: center
46+
width: 90%
47+
name: dnb-buchtitel-einstein
48+
---
49+
Screenshot aus dem Eintrag des <a href="https://d-nb.info/1022343017" class="external-link" target="_blank">Datensatz </a> zum Buchtitel "N*plastik" von Carl Einstein
50+
```
51+
52+
Für Dogtas et. al. führt die Ausschreibung des N-Wortes zur kontinuierlichen Fortschreibung seiner rassistischen Implikationen sowie zur Verfestigung der dem Begriff immanenten “komplementären Fiktion der Überlegenheit *weisser*” (Herv. i. O).
53+
Die unhinterfragte Übernahme diskriminierender Praktiken und Sprache führe also dazu, dass exklusive und diskriminierende Seiten der Gesellschaft weiter Einzug in unsere Systeme und Strukturen erhalten – so das Argument.
54+
Das Sammeln, Bewahren und Erforschen von Ressourcen ist jedoch darauf ausgelegt, die Entstehungsmerkmale zu erhalten und sie so abzubilden, wie sie sich in ihren historischen und gesellschaftlichen Kontexten präsentierten/präsentieren.
55+
56+
Wie also kann ein diskriminierungssensibler Umgang gefunden werden, der die aktuellen Debatten und Diskurse mitdenkt, gleichzeitig jedoch die historischen Implikationen der Ressourcen beibehält?
57+
58+
## Diskriminierungssensible Praktiken
59+
60+
Es gibt diverse Methoden und Umgangsweisen, um diskriminierungssensible Praktiken zur Erfassung von Metadaten zu etablieren. Gängig sind insbesondere (nach Dogtas et. al.):
61+
62+
63+
[^1]: Wir haben uns dazu entschieden, auf die Ausschreibung des N-Wortes zu verzichten.
312 KB
Loading
597 KB
Loading

0 commit comments

Comments
 (0)